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„Strukturwandel in der Landwirtschaft“ - Thaer-Tagung 2018

Wie immer ein volles Haus im Hotel „Celler Tor“: Vor gut 200 Gästen referierte Prof. Enno Bahrs, Lehrstuhlinhaber für Agrarökonomie an der Universität in Stuttgart-Hohenheim zum Thema „Ist ein weiterer starker Strukturwandel in der Landwirtschaft noch zu bremsen?“ Schon im Titel kommt zum Ausdruck, dass es sich um eine Problematik mit einer gewissen Daueraktualität handelt. Allerdings haben die zurückliegenden Wirtschaftsjahre mit niedrigen Erzeugerpreisen und entsprechend niedrigen Gewinnraten dem Thema „Strukturwandel“ zu ungewollter Aktualität verholfen. Der Referent, aufgewachsen in Niedersachsen, leitete seine Ausführungen mit den Fakten zum Strukturwandel in der Landwirtschaft über einen Zeitraum der vergangenen 70 Jahre ein. Die stetig nach oben ansteigende Wachstumsschwelle machte er aktuell im Ackerbau bei 100 ha, in der Milchviehhaltung bei 100 Kühen sowie in der Schweinehaltung bei 500 Sauen oder 2000 Mastplätzen fest. Nach diesen nüchternen Fakten leitete er zur Bewertung des stetigen Strukturwandels über und bezog dabei mittels Abstimmungsgeräten seine Zuhörerschaft mit ein. Bei diesem ersten Stimmungsbild bewerteten 47% der Zuhörenden den Strukturwandel positiv, während 37% eine negative Einschätzung zu diesem Prozess abgaben. Da es beim „Wachsen oder weichen“ immer Sieger und Verlierer gibt, entsprach das Ergebnis den gefühlten oder bereits erlebten Auswirkungen des Strukturwandels. Prof. Bahrs interpretierte das Ergebnis dahin gehend, dass im Saal eine überdurchschnittliche Präsenz von wachstumswilligen und wachstumsfähigen landwirtschaftlichen Zuhörern vorherrsche.



Im nächsten Schritt wendete sich der Gast aus Süddeutschland der Frage nach den Kräften zu, die beschleunigend oder dämpfend auf den Strukturwandel in der Landwirtschaft wirken. Auch hier ermunterte er seine Zuhörerschaft zur aktiven Teilnahme und bot etliche Einflussfaktoren an, die sich verstärkend auf das „Wachsen und Weichen“ auswirken. Mit 52% sprach sich die eindeutige Mehrheit der Anwesenden für den technischen Fortschritt als Hauptantriebsfeder für den Strukturwandel aus. „Wenn auch der stetige Strukturwandel z. T. großes Unbehagen auslöst, so ist dieser ebenso wenig auszuschalten wie der technische Fortschritt!“ so der Stuttgarter Agrarwissenschaftler. Die menschliche Neugier werde für einen weiteren technischen Fortschritt und dessen Eintrag in die landwirtschaftliche Produktion sorgen, auch wenn diese Entwicklung von Teilen der Bevölkerung und manchem Agrarpolitiker mit Unbehagen betrachtet werde. Die Thünen’sche Erkenntnis, dass der Boden (mit dem entsprechenden Besatzvermögen) zum besseren Wirt wandere, werde auch durch fehlende Hofnachfolge gefördert. In diesem Zusammenhang redete der Referent den anwesenden Betriebsleitern ins Gewissen: „Geben Sie nicht nur nach außen, sondern mindestens in gleichen Umfang auch nach innen, ein positives Bild von dem landwirtschaftlichen Unternehmertum ab!“ Ansonsten dürfe sich ein rückzugswilliger Landwirt nicht wundern, wenn der eigene Nachwuchs sich in der Findungsphase beruflich außerlandwirtschaftlich orientiere. Der landwirtschaftliche Sektor müsse in einem sehr aufnahmefähigen Umfeld mit attraktiven Arbeitsmöglichkeiten für Arbeits- und Führungskräfte werben. Die zunehmende Professionalität der Unternehmen oberhalb der Wachstumsschwelle erfordere v. a. auch höhere Managerfähigkeiten. „Durch Defizite in diesem Bereich gepaart mit einem unterentwickelten Reflexionsvermögen leisten nicht wenige Betriebsleiter einen ungewollten Beitrag zum Strukturwandel.“ So das Resümee von Prof. Bahrs. Die Betriebsvergleiche wiesen nach wie vor erstaunlich große Unterschiede zwischen den erfolgreichen und den weniger erfolgreichen Betrieben aus.



Eine erneute Befragung der Zuhörer in Bezug auf hemmende Faktoren in Sachen Strukturwandel ergab weniger eindeutige Ergebnisse. Ein gutes Drittel der Zuhörerschaft machte das Wertepaar „Tradition und Stolz“ als bremsenden Einfluss aus. Die Weitergabe des Unternehmens an den eigenen Nachwuchs sei bei vielen Familien ein ungeschriebenes Gesetz, für dessen Umsetzung manche finanzielle und arbeitswirtschaftliche Belastung auf sich genommen werde. „Manche unrentablen Betriebe werden weitergeführt, nur um den Wunsch nach eigenem Unternehmen zu verwirklichen, dies gilt häufig für Nebenerwerbsbetriebe.“ Prof. Bahrs konnte aufgrund des württembergischen Umfelds seines Arbeitsplatzes aus erster Hand mit praktischen Anschauungsbeispielen aufwarten. Wiederholt wies der Gast aus Stuttgart auf die zwei Seiten einer Medaille hin. Die Einsicht in die mangelnden eigenen Managementfähigkeiten fördere den Strukturwandel. Aber aufgrund des vergleichsweise hohen Eigenkapitalanteils vieler landwirtschaftlicher Unternehmen ziehe sich dieser Prozess z. T. bei mangelnder Einsicht quälend lange hin, bevor die Produktion eingestellt werde und der Strukturwandel greife.



Welche Rolle spielt der Konsument bei der Gestaltung des Strukturwandels? Die Nachfrage nach regionalen Produkten – erzeugt in kleinen und damit überschaubaren Einheiten – könne für Betriebe in der Nähe von Verbraucherzentren eine Chance zum Umsatzwachstum ohne starke Veränderung des Erzeugungsumfangs bieten. „Erfolg in diesem Sektor ist möglich, aber nicht einfach!“ so die Einschätzung des Stuttgarter Wissenschaftlers. Ungewollt trügen die Konsumenten hingegen zur Abbremsung des Strukturwandels bei, wenn sie als Betroffene von Erweiterungen oder Neubauten einen häufig professionellen Widerstand gegen die geplanten Maßnahmen organisierten und so Wachstumsschritte verhinderten.

Kann die Agrarpolitik auf eine gezielt steuernde Rolle bei Strukturwandel und Betriebswachstum in der Landwirtschaft zurückblicken? Prof. Bahrs kam zu einer eher ambivalenten Einschätzung. Man müsse eine z. T. gegensätzliche Zielsetzung bei der Steuer-, Sozial- und Umweltpolitik feststellen. Einerseits stehe die Förderung kleiner Betriebe im Fokus (Vergabe von Fördermitteln), andererseits bevorzugten die Gestaltungselemente der Einkommensteuer klar die großen Unternehmungen.

Aus diesem resümierenden Blick auf die abgelaufenen Veränderungen in der Landwirtschaft mit ihren jeweiligen Ursachen leitete Prof. Bahrs einen Blick auf den zu erwartenden Strukturwandel ab. Der Prozess werde in jedem Fall weitergehen, aber es gebe durchaus Gestaltungsmöglichkeiten. Hilfreich sei ein klares agrarpolitisches Leitbild, wie die Landwirtschaft der Zukunft betrieben sein solle. Hier sei die Politik gefordert, um auf Ebene von Gemeinden oder Regionen ein gesellschaftlich akzeptiertes und den wirtschaftlichen Realitäten orientiertes Bild der Landwirtschaft zu entwerfen. Durch Einbeziehung aller Akteure könne dessen Umsetzung in die Realität sehr gefördert werden. Anscheinend kein einfaches Unterfangen! Auf Nachfrage konnte Prof. Bahrs nur allgemeine Elemente eines derartigen Leitbildes aufzählen – vorbildliche und somit nachahmenswerte Beispiele konnte er an diesem Nachmittag nicht einbringen. Dennoch enthielt der Vortrag zahlreiche bedenkenswerte Aspekte sowohl für die anwesenden Betriebsleiter als auch für den Nachwuchs zur eigenen Positionierung in einem fortdauernden Prozess. Denn die Alltagsweisheit, dass nichts so beständig sei wie der Wandel, erfordert ein permanentes Nachdenken über die einzelbetriebliche Gestaltung des Strukturwandels in der Zeit des eigenen landwirtschaftlichen Unternehmertums.


 
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