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Thaer-Tagung 2019

Herr Dr. Kitzler, Philosoph und Buchautor mit landwirtschaftlichem Hintergrund
Herr Dr. Kitzler, Philosoph und Buchautor mit landwirtschaftlichem Hintergrund

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung des Altherrenverbandes des Thaer-Seminars am 13.2.19 wurde der Philosoph und Buchautor Dr. Albert Kitzler zu der diesjährigen Thaer-Tagung eingeladen. Nach der Begrüßung durch die Schulleiterin Sybille Bolurtschi, begann der bekannte Philosoph seinen Vortrag. Vor einem interessierten Publikum, bestehend aus den Vereinsmitgliedern und Angehörigen der Albrecht-Thaer-Schule, sprach Kitzler über das Thema „Die Landwirtschaft ist der Weisheit wesensverwandt“. Während seines Vortrags verblüffte der Geisteswissenschaftler mit seinem biographischen Bezug zur Landwirtschaft. Kitzler stammt selbst aus einer im Hunsrück ansässigen Kleinbauernfamilie.


Die Verbindung zwischen der praktischen Landwirtschaft und der auf Erkenntnis gerichteten Philosophie erscheint auf dem ersten Blick ungewöhnlich, doch gehören beide Bereiche zu den ältesten menschlichen kulturellen Errungenschaften und weisen in ihrem Streben erstaunliche Parallelen auf. Besonders in der antiken Philosophie geht es um die Fragen des menschlichen Zusammenlebens sowie die harmonische Lebensführung jedes Individuums. Für die antiken Philosophen ist Persönlichkeitsentwicklung die Kultivierung des Ichs. Und wer Kultur hat, „[…] der hat die Fähigkeit erworben, friedlich und gedeihlich mit anderen Menschen zusammenzuleben.“
In der Landwirtschaft werden die Felder beackert und die Samen gesät, die Pflanzen gepflegt, bis aus diesen die reifen Früchte gedeihen. Genau hier besteht zwischen den geistigen und naturverbundenen Aktivitäten des Menschen eine Gemeinsamkeit. Sowohl in der praktischen Philosophie als auch in der Landwirtschaft soll etwas zur Reife gebracht werden: hier die Persönlichkeit, dort die Früchte. Der Prozess bis zur Reife der Persönlichkeit und zur erfolgreichen Ernte der Saat, vollzieht sich über die Erkenntnis, genau das Richtige zu tun, um ein Lebensziel oder einen bestimmten Ertrag zu erreichen.


Für Kitzler hat Weisheit nichts mit Wissen zu, sondern mit Lebenserfahrung: „Es geht um das Wissen um den richtigen Augenblick, sei es für ein Tun, für eine Entscheidung oder für ein Abwarten.“ Die Suche nach dem glücklichen Leben, einem Leben im Einklang mit sich und der Welt, steht für die antiken Philosophen im Vordergrund ihrer Betrachtung. Nicht die äußeren, oberflächlichen Besitztümer tragen zum Glück des Einzelnen bei, sondern die Fähigkeit zum naturgemäßen Leben.
Naturgemäßes Leben bedeutet die eigenen Bedürfnisse, Ziele und Grenzen und die Erwartungen der Anderen zu erkennen und anzunehmen. Selbstausbeutung und Druck mindern die persönliche Leistungsfähigkeit. Körper und Geist benötigen Pausen zur Regeneration und Erneuerung. Ein Acker, der über Jahre ständig bewirtschaftet wird, wird irgendwann keinen Ertrag mehr bringen: „Wie wir mit unseren Feldern umgehen, so müssen wir auch mit unseren eigenen Kräften und Ressourcen haushalten.“
Für Kitzler ist ein naturgemäßes Leben nur möglich, wenn die Arbeit durch Muße und Entspannung unterbrochen wird:


„Hilfreich ist es auch, im eigenen Leben möglichst keine Monokultur zu betreiben. Wie wir das, was wir auf einem Feld anbauen, regelmäßig wechseln, so sollten auch wir für uns selbst in ausreichendem Maß ein Gegengewicht zu unserer Arbeit schaffen […].“


Zu einem glücklichen und zufriedenen Leben gehört auch die Frage nach einer gesunden Lebensführung. Zum einen geht es um die Sorge um das seelische und körperliche Wohlbefinden, doch die antike Philosophie verstand unter diesem Punkt auch einen weiteren Aspekt, das Bedenken der mittel- und langfristigen Folgen menschlichen Handelns für die Gemeinschaft und Umwelt. Das ökonomische und soziale Handeln soll nachhaltig sein:


„Es kommt nicht darauf an, kurzfristig große Gewinne zu erzielen, sondern dauerhaft Wachstum oder Stabilität zu garantieren. Nicht punktuelle Erfolge und Glücksgefühle sind unser Lebensziel, sondern ein dauerhaftes Wohlbefinden und langfristige Zufriedenheit und Freude am Leben.“


Hier geht es um das Leben im Einklang mit der Natur, ohne sie sinnlos auszubeuten und in diese einzugreifen.
Genau dieser Punkt ist auch eine Aufgabe und Herausforderung für die Landwirtschaft. Landwirte müssen ebenso wie Philosophen sich die Frage stellen, „… wie wir leben sollen, um auf lange Sicht und dauerhaft Zufriedenheit herzustellen und wahren zu können.“ Der Philosoph Albert Kitzler bekräftigt in seinem Schlusswort noch einmal anschaulich den Zusammenhang zwischen den beiden Bereichen:


„Die Natur als Ganzes ist der nachhaltigste Organismus den wir kennen. In dieser herausragenden Eigenschaft der Nachhaltigkeit soll sie uns Vorbild und Lehrmeister sein, sind wir doch selbst ein Teil der Natur. Daher konnten die Alten sagen, die Agrikultur, die Landwirtschaft, als eine Form der Pflege und Hege der Natur, ist der Weisheit, der Kultur und Pflege unserer Persönlichkeit und unseres Lebens, bluts- und wesensverwandt.“


Herr Heitzhausen, Vorsitzender des Altherrenverbandes des Thaer-Seminars
Herr Heitzhausen, Vorsitzender des Altherrenverbandes des Thaer-Seminars

Im Anschluss an den Vortrag moderierte der Vorsitzende des Altherrenverbandes, Hans Heitzhausen, die Disskussionsrunde.
Ein Zuhörer wollte gerne wissen, ob Jäger und Sammler früher glücklicher waren als die Menschen heute? In einem Buch habe er These gelesen, dass durch die Landwirtschaft das Unglück in die Welt gekommen sei. Kitzler konnte die Frage verneinen, denn heutzutage leben wir so glücklich wie noch nie zuvor. Noch nie hätten so viele Menschen so viele Menschen Europa friedlich und in Wohlstand zusammengelebt wie in unserer Gegenwart. Damit könne die Landwirtschaft nicht unser Unglück sein. Mit dieser Aussage des Philosophen waren alle Zuhörer einverstanden.

Ein anderer fragte abschließend, wie man „Bauernhasser“ entgegenwirken könne? Albert Kitzler riet zur Einhaltung einer guten Ethik in der Landwirtschaft, um langfristig die Kritiker für sich zu gewinnen. In der Diskussion mit den Kritikern sei es wichtig, schlüssige Argumente zu finden, deren Kritik anzunehmen und zu der eigenen Position zu stehen. Mit diesen Worten schloss der Vorsitzende Heitzhausen die Tagung.


 
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